Lionginas Šepka (1907-1985)
| Rokiškis |
Lionginas Šepka wurde am 15. September 1907 im Dorf Šiaudinė (Bezirk
Rokiškis, Litauen) in einer großen Familie eines Bauern mit wenig Land
geboren. Seine Kindheit, und wohl auch seine Jugend, unterschieden sich
sehr wenig von der, die die unsere am Anfang des Jahrhunderts geborenen
Kinder aus ärmlichen Dörfern verbracht haben. Im Dorf Šiaudinė besaß
die Familie mit sechs Kindern 2,5 Hektar Land. Der Vater starb früh.
Der dreizehnjährige Lionginas ist Vollwaise. Hirte, Halbwüchsiger, ein
Junge – so startete er ins Leben. Ein Studium? Von Mutter Natur, von
Bäumen, die im Frühjahr Blätter treiben, von Honig sammelnden Bienen,
aus der Perspektive des Vogels lernte Lionginas vom Leben und zu
arbeiten. Er lernte auch von seiner Mutter. Mit rauem Finger zeigte
sie, in den Pausen zwischen den Arbeiten, allen ihrer fünf Buben und
ihrer Tochter hintereinander geschwind die Buchstaben der Fibel.
Lionginas prägte sie sich für das ganze Leben ein, besonders die
deutlichen, ruhigen Großbuchstaben. Und um das Auge zu erfreuen, konnte
man bunte, nirgendwo gesehene Bilder bestaunen, wie auch die ernsten
Worte hören, dass Gott selbst dem Menschen Strapazen aufbürgt – in der
Kirche. Das sind alle Universitäten. Andere kannte er nicht, in andere
hat ihn niemand zum Studium eingeladen. Vielleicht hat er an
Samstagabenden beim Spiel der Harmonika ein Glas mit den Dorfburschen
getrunken, um sich zu beruhigen. Doch diese ungewisse Unruhe im Herzen
reizte ihn ständig. Er wollte Licht und Freiheit, aber niemand sagte
ihm, wo er danach suchen sollte. Lionginas ging zum Straßenbau. Schon
hier mehr Freiheit. Man schwingt am Tag den schweren Hammer beim
Steinhaufen und der Abend gehört dir. Niemand zwingt dich, den Pferden
Fußfesseln anzulegen oder auf Nachtwache zu reiten. Aber so ist der
Mensch eben. Wo er ist, dort ist auch seine Unruhe. Selbst mit dem
größten Hammer lässt sie sich nicht zertrümmern. Man kann sie nicht in
den harten Grund verlegen... Ein weiteres Unglück kam hinzu: betrunkene
Burschen schlugen ihn zusammen. Ein schlag mit dem Spaten auf den Kopf
und man hat bekomme eine langjährige Krankheit.... Wieder mehrere Jahre
der Herumtreiberei, Gelegenheitsarbeiten für ein Stück Brot.
Mit der Schnitzerei begann Lionginas Šepka bereits mit knapp fünfzig
Jahren. 1950 lebte er nach dem Tod seines Bruders Petras in dessen
Haus. Als er mit dem Schnitzen eines Denkmals für seinen Bruder begann,
„ließ er das Messer nicht mehr aus den Händen“ – spontan erschloss sich
die originelle Natur eines Künstlers und Schöpfers. In zehn
Jahren schuf Šepka drei Denkmäler für seinen Bruder und eins für seine
Eltern. In zwei Denkmälern für den Bruder und die Eltern bildet eine
Marienfigur in realistischer Größe auf einem hohen oder tiefen Sockel
den Hauptakzent. In einer Skulptur wird sie als Dorffrau dargestellt,
die ihren Kopf mit einem Tuch bedeckt, mit einem litauischen Buch in
den Händen, in zwei anderen Skulpturen wird sie als gekrönte Königin
dargestellt. Auf den Sockeln sind Namen, Daten, und Widmungen
eingeschnitzt. Es wurde sogar der genaue Lieferzeitpunkt vorhergesehen,
z. B.: „... dieses Bildnis wurde 1953 angefertigt und am 19. Juni 1954
auf dem Friedhof der Gemeinde Pandėlys aufgestellt.“. 1955 schuf er
eine größere Komposition: in ihr sieht man kniende Engelchen primitiv
traktierter Formen: die Ketten, die aus einem Stück Holz geschnitzt
sind, sollten die gesamte Grabstätte umgeben. Die Arbeiten
am kompliziertesten großen Denkmal begannen 1955, wie auch die Widmung
auf der mit seltsamen Blumenrhythmen verzierten Tafel zeigt: „dieses
ehrenvolle Denkmal wurde zu Ehren des Bruders als Geschenk zum
Namenstag übergeben“. Es ist ein Werk aus vielen verschiedenen
Komponenten, das durch seine komplizierte Struktur, seine originellen
plastischen Formen erstaunt. Die zentrale Achse – ein von fantastische
Blumengirlanden, Kränze, Strahlen und nackten Figuren umschlungenes
Kreuz, ist von stilisierten Fliedersträuchern, mit ausdrucksvollen
Vogelfiguren besetzten Fichten, verschiedenförmigen Ketten, auf
quadratförmigen Tafeln eingeritzten Ornamenten, die zu Texten werden,
und gekrönten Herzen umgeben. Das durch die hervorgehobenen Oberflächen
des durchbrochenen Denkmals strömende Licht und die Schatten verleihen
dieser Holzsinfonie einen geheimnisvollen Reiz: alles hier vibriert,
erscheint lebendig. Der Meister hat in seiner Phantasie alles in einem
einheitlichen Bauwerk vereint und träumte davon, es auf dem Friedhof
von Pandėlys aufzustellen. Wir können Lionginas Šepka also begründet
als Begründer der Wiederbelebung der monumentalen litauischen
Volksskulptur bezeichnen. Einsam, von der Familie
missverstanden, von den Nachbarn ausgelacht schuf L. Šepka und war
glücklich. Er wurde nicht nur in Pandėlys, sondern auch in ganz Litauen
berühmt. Das war jedoch nicht von langer Dauer. 1961 wurde L. Šepka auf
Initiative der Behörden von Pandėlys in das Alters- und Invalidenheim
Didvyžiai (Bezirk Vilkaviškis) gebracht. 1963 kehrte er aus diesem
„verfluchten Heim“, wie er es selbst nannte, geistig und körperlich
gebrochen zurück. Jahre des Herumirrens begannen – L. Šepka kam bei den
Einen, dann bei den Anderen unter, blieb nie irgendwo länger, fand
nirgendwo seinen Seelenfrieden. Letzten Endes kaufte er in seiner
Heimat die brüchige Hütte von Matijošius... Im Herbst 1970
besuchte ihn die Journalistin Danutė. Ihr Treffen und die Freundschaft
sind in den Briefen festgehalten, die L. Šepka ihr schrieb. Die sieben
Jahre, in denen Sie den Briefwechsel führten, geben viel Auskunft übe
Leben und Schaffen von L. Šepka. Es ist so etwas wie sein Tagebuch. Aus
den Briefen erfahren wir von den ihn plagenden Gedanken, den
alltäglichen Sorgen, die dem Menschen der Gegenwart unverständlich und
seltsam erscheinen. Beim Lesen der Briefe tut sich vor den Augen ein
Panorama des Lebens aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf.
Von heute alltäglichem Komfort blieb Lionginas Šepka fast unberührt.
Bis zum Sommer 1976 hauste er ohne elektrisches Licht. Zum Leben und
Schaffen benutzte er in Lebedžiai eine Kerze, und wenn die Kerzen knapp
wurden, nahm er Öl. Die einzigen Wunder der Technik waren ein Radio und
ein Fahrrad. Die kleinen Radioapparate (Transistorempfänger) gingen ihm
sehr oft kaputt, ständig musste man sich um Batterien (galvanische
Elemente) kümmern. Das Radio war die einzige Verbindung zur Außenwelt.
Er hörte es nicht nur zu Hause, sondern nahm es auch bei der Fahrt nach
Kupiškis mit. Mit dem Fahrrad fuhr er fast jede Woche ungefähr 30 km
nach Kupiškis und zurück. In Kupiškis kaufte er Lebensmittel, warf die
Briefe an Danutė und andere Menschen in den Briefkasten ein. Nicht
immer gelang es, mit dem Fahrrad zu fahren, oft musste er es schieben
(es ging unterwegs kaputt oder es lag viel Schnee), mehrmals fiel er
fast vor ein fahrendes Auto. Die Fahrt nach Kupiškis und zurück nach
Lebedžiai dauerte den ganzen Tag. Morgens bemühte er sich so früh wie
möglich loszufahren und kam erst spät abends wieder zurück. Besonders
schwierig war die Fahrt im Winter, wenn es spät hell und früh dunkel
wurde, die Straße eingeschneit war. Der Künstler hatte
einen guten Bezug zur Natur, besorgte sich ein gutes Fernglas, um
Vögel zu beobachten. Er wartete auf die zurückkehrende Amsel, war
besorgt, dass die Amsel in seiner Abwesenheit fortfliegen könnte. Er
freute sich über das erste Zwitschern der Lerche, das Rufen des
Kiebitzes. Die meiste Liebe und Aufmerksamkeit erhielt jedoch der Hund
Sargis, den ihm Danutė als Welpen schenkte. Sargis bekam die leckersten
Bissen: er mochte nur mageres Fleisch. Lionginas Šepka konnte selbst
mehrere Tage hungern, aber für Sargis musste immer etwas zu Fressen
vorhanden sein. Wenn Sargis weglief, war er das größte Unglück. L.
Šepka schrieb Danutė einmal, dass Sargis alles versteht, was man ihm
sagt, aber nur nicht sprechen kann. Und wenn L. Šepka beim Warten auf
Danutė besorgt war, dann übertrug sich dies auch auf Sargis – der Hund
lief von Fenster zu Fenster und wartete nach Meinung des Meisters
ebenso ungeduldig auf den Gast. Ab 1978 begann für
Lionginas Šepka der freudigste Abschnitt des Lebens. Als er in Vilnius
mit einem nahe stehenden und geliebten Menschen – seiner Frau Danutė
lebte, wurden ihm Aufmerksamkeit und Fürsorge gewidmet. Und auch er
selbst hatte jemanden, um den er sich sorgen, und den er lieben konnte.
In dreißig Jahren schuf Lionginas Šepka etwa eineinhalbtausend Werke
verschiedener unterschiedlicher Größe – von Basreliefs in der Größe
einer Handfläche bis zu Raumkompositionen, die mehrere Meter messen.
Im Landesmuseum Rokiškis wird die größte Sammlung seiner Werke
aufbewahrt. 1971 wurde eine Ausstellung in zwei Sälen des Museums
eröffnet. 1992 wurde die Ausstellung erweitert. Nach einer
Grundsanierung des Gebäudes im Jahre 2009 wurde die Ausstellung der
Schnitzereien von L. Šepka umfassend erneuert. Die Besucher haben die
Möglichkeit, Einblick in seine gesamte Werkschöpfung zu nehmen,
angefangen beim ersten Werk bis hin zur letzten unvollendeten
Schnitzerei.
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